Vorwort

Der Tag, an dem die berufliche Uhr aufhört zu ticken

Erinnerst du dich noch an das Gefühl, wenn am Freitagnachmittag das Wochenende begann? Dieses kurze, wunderbare Durchatmen, bevor der Montag wieder seine Schattenspiele warf?

Nun stell dir vor: Es ist Montag. Und der Dienstag fühlt sich genau gleich an. Und der Mittwoch auch.

Der Übergang in den Ruhestand – oder, wie ich ihn lieber nenne: den Unruhestand – ist einer der merkwürdigsten Abschnitte unseres Lebens. Jahrzehntelang war unser Alltag von außen getaktet. Wecker, Terminkalender, Urlaubsanträge. Deadlines und die ständige Frage. »Haben Sie kurz Zeit?« Wir waren Experten darin, Zeit zu managen, abzuliefern und zu funktionieren.

Und dann, von einem Tag auf den anderen: Stille. Kein Terminkalender mehr, der nach Aufmerksamkeit schreit. Kein Chef, kein Team, keine Mails. Dafür ein freier Kalender, der uns mit der Eleganz eines unbeschriebenen Blattes Papier anstarrt.

Das kann sich im ersten Moment wie die ultimative Befreiung anfühlen. Und drei Wochen später wie eine subtile Orientierungslosigkeit. Denn wenn der gewohnte Kompass des Berufslebens wegfällt, taucht plötzlich eine Frage auf, auf die uns keine Abschiedsrede und kein Mett-Igel-Buffet der Welt vorbereitet hat: Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht mehr arbeite?

Manche von uns reagieren darauf mit hyperaktiver Betriebsamkeit. Der Rasen wird nach dem Alphabet gemäht, die Garage nach DIN-Normen umsortiert und der Terminkalender mit Freizeitstress vollgepackt, nur um der gefürchteten Leere zu entkommen. Andere verharren in einer Art Wartestellung – wie an einem Bahnhof, an dem der Zug bereits abgefahren ist.

Dieses Buch ist weder ein trockener Ratgeber mit zehn Strenge-Regeln für das Älterwerden, noch ein hochtrabendes Philosophie-Lehrbuch. Es ist ein Mutmacher, ein Spiegel und vor allem ein liebevoller Wegbegleiter. Es lädt dich dazu ein, den eigenen Kompass neu auszurichten – nicht starr nach Norden, sondern mit einem feinen, eigenen Schlenker in Richtung Freiheit, Humor und Gelassenheit.

Du wirst in den folgenden Kapiteln Lachen wiederfinden, Innehalten, ehrliche Anekdoten entdecken und praktische Selbstcoaching-Impulse an die Hand bekommen. Denn der Ruhestand ist nicht das Ende der Reise, sondern das größte Abenteuer deines Lebens: das Abenteuer, die eigene Zeit endlich wieder selbst zu besitzen. Leg den Terminkalender an die Seite. Halte inne. Und schlage die erste Seite auf.

 

Ausschnitt aus Kapitel III

Das Beziehungs-Parkett im Unruhestand.

Von neuen Omas, Dauer-Ehemännern und der Kunst, wieder neue Freunde zu gewinnen.

Die Großeltern-Rolle: Zwischen Herzenslust und Betreuungsfalle.

Die Ankündigung »Du wirst Großvater«, bzw. »Du wirst Großmutter!«, ist einer der schönsten Momente im Leben. Plötzlich ist da dieses winzige Wesen, und man spürt eine Liebe, die völlig frei von dem Erziehungsdruck ist, den man früher als junge Eltern hatte. Man darf verwöhnen, staunen, Quatsch machen – und die Zwerge abends wieder abgeben. Perfekt!

Doch im Ruhestand passiert schnell etwas Schätzbares: Die eigenen Kinder bemerken, dass Oma und Opa ja jetzt »so viel Zeit« haben. Was mit einem spontanen »Könnt ihr Mittwoch kurz einspringen?« beginnt, verwandelt sich schleichend in ein durchgetaktetes Betreuungssystem inklusive Fahrdienst, Hausaufgabenbetreuung und Kantinenbetrieb.

Der Realitäts-Check:

Es erfordert Mut, den eigenen Kindern liebevoll zu erklären, dass der Ruhestand keine unbezahlte Vollzeit-Kita ist. Man darf seine Enkel über alles lieben – und trotzdem Nein sagen, wenn die eigene Kraft oder die eigene Reiseplanung Raum braucht.

Goldene Regel:

Enkelkinder sind die Sahne auf dem Kuchen des Unruhestands. Aber sie sind nicht die Bäckerei.

Partnerschaft im Dauerzustand: 24 Stunden auf demselben Parkett

Jahrzehntelang war die Ehe eine gut geölte Logistik-Gemeinschaft: Man sah sich morgens kurz, abends beim Abendessen, dazwischen lagen Welten aus Arbeit, Besorgungen und eigenen Aufgaben.

Und dann kommt der Tag, ab dem beide Partner 24 Stunden am Tag dieselben Quadratmeter teilen.

Plötzlich wird die Küche zum diplomatischen Verhandlungsgebiet. Wenn ER oder SIE erklären will, wie man die Spülmaschine nach ergonomischen Gesichtspunkten optimal einräumt, oder wenn SIE – IHM vorschlägt, das Sortieren der Socken doch als Tagesaufgabe zu betrachten, brennt schnell die Luft.

Die Formel für das Leben zu zweit:

Eigene Räume schaffen: Nähe entsteht durch freiwillige Begegnung, nicht durch dauerhaftes Nebeneinanderkleben. Jeder Partner braucht eigene Hobbys, eigene Termine und Räume, in denen der andere Sendepause hat.

Humor statt Rechthaberei:

Bevor du dich über die falsch herum aufgehängte WC-Papierrolle streitest, frage dich: Muss ich hier gewinnen oder will ich einen entspannten Tag.